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JÜDISCHE PATIENTEN IN GEEL WÄHREND DES ZWEITEN WELTKRIEGS
Goris Gorik, Rathé Jos und Vandecruys Geert
Sachlage, wie sie aus einer Untersuchung dreier Historiker (Goris Gorik, Rathé Jos und Vandecruys Geert) in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Deportations- und Widerstandsmuseum (Dosinkaserne Mechelen) hervorgeht.
1. Anlass zur Untersuchung
Unser Engagement, ab September 2005 übe das Schicksal der Juden in Geel zu forschen, geht auf zwei Hauptgründe zurück.
- Erstens gibt es im reichen Archiv des OPZ Geel (früher Rijkskolonie) einen Karton mit der Aufschrift „Jüdisches Archiv”, wie auch persönliche Unterlagen und Akten der Patienten, die zum Grossteil in Gastfamilien lebten.
- Zweitens erwähnte 2005 Herr Ward Adriaens vom JDWM das Judenregister von Geel mit 75 Namen. Dies überraschte uns, da im historischen Diskurs über Geel während des Zweiten Weltkriegs immer bahauptet worden war, es hätte in Geel kein Judenregister gegeben.
Schon zuvor haben sich einige Personen mit Juden in Geel beschäftigt: W. Andries (ehemaliger Archivar des OPZ), J. Heyns und D. Kennis. Sie veröffentlichten mehrere Artikel in der Lokalzeitung von Geel. Mittlerweile hat auch der Historiker Frank Sebrechts im Rahmen seiner Untersuchung zur Rolle belgischer Behörden bzgl. des Holocausts das OPZ-Archiv zur Rate gezogen. Seine Ergebnisse liegen dem belgischen Senat als Bericht mit dem Titel „Williges Belgien: Die örtlichen Behörden und die Deportation von Juden in Belgien“ vor.
2. Historische Untersuchung versus hartnäckige Mythen
Mit Ausnahme der Befreiungstage von Geel 1944 wurde bisher kaum etwas über die Kriegsgeschichte Geels verfasst. Es gibt in Geel viele hartnäckige Mythen über den Zweiten Weltkrieg. Juden sollen als sogenannte Patienten in der Rijkskolonie untergetaucht sein. Der Bürgermeister K. Pelgroms soll diese jüdischen Patienten geschützt haben. So behauptet G. Krajsman (der „Rasierklingenkönig” und der in Geel bekannteste jüdische (Ex)Patient), dass er vom Bürgermeister während des Krieges gerettet worden sei. Am 14. April 1943 soll die Deportation jüdischer Patienten von einem gewissen Dr. Freitag verhindert worden sein – einige Tage bevor drei Widerstandsmitglieder den XXsten Konvoi kurzzeitig anhielten.
Aus unserer Untersuchung geht bisher hervor, dass mindestens drei jüdische Patienten in einem Konzentrationslager umgekommen sind. Es handelt sich um Menschen, die Geel freiwillig (aus eigener Intitiative oder auf Anraten der Familien) verlassen haben. Informationen zu Doktor Freitag gibt es bisher keine. Die Verteidigungsakte von K. Pelgroms ist aus dem Archiv des Auditoraat Generaal verschwunden (Meldung von Fr. Seberechts).
Fest steht, dass sehr viele jüdische Patienten aus Geel den Krieg überlebten. Handelt es sich hierbei um Rettung oder puren Zufall? Es weist alles darauf hin, dass die deutschen Besatzer über das jüdische Leben in Geel informiert waren.. Sowohl die Verwaltung der Rijkskolonie als auch die der Gemeinden scheinen alle nötigen Informationen pflichtbewusst weitergegeben zu haben. Soweit wir wissen, wurde ein (nicht geisteskrankes) jüdisches Kind in Geel versteckt und ein weiteres wurde getauft, um den Deutschen nicht in die Hände zu fallen. Inwiefern sowohl die Bürgermeister (1941/1941-1944) als auch der Arztdirektor H. Rademackers aktiv/passiv/administrativ mitgeholfen haben, muss weiter untersucht werden. 1946 wurde zuletzt gemeldet, dass es keine besonderen Probleme mit den Deutschen gab.
Der Geistliche der Rijkskolonie meldet in den Jahresberichten seltsamerweise nicht, dass während der Besatzung der Rabbi nicht mehr zu Besuch kam und er erst nach der Befreiung wieder erschien. Auch zwischen 1945 und 1947, als das Ausmass des Holocaust bekannt wird, erwähnt er dies nicht.
Bei unserer Untersuchung stossen wir auf ein besonderes Problem. Die persönlichen Akten der jüdischen Patienten dürfen wir wegen der ärztlichen Schweigepflicht und aus Datenschutzgründen nicht einsehen. Die Ärztekammer verbietet dies grundsätzlich. Es steht zur Debatte, ob diese Sackgasse durchbrochen werden kann. Vielleicht kommt es im Zuge der Besprechung des Berichts „Williges Belgien“ vor dem Senat zu einem Durchbruch, in diesem Falle einer Anpassung des Archivgesetzes. Als Historiker sind wir uns der Gefahr des Hineininterpretierens bewusst. Wir dürfen die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg nicht aus unserer heutigen Sichtweise heraus und mit dem Hintergrundwissen über Geschichte, in diesem Fall den Judeocid, interpretieren. Um objektiv zu urteilen, müssen wir schriftliches Beweismaterial einsehen dürfen damit wir bestimmte Mythen entkräften können. Mehr Einsicht in die persönliche Geschiche der jüdischen Patienten ermöglicht auch eine menschliche Geschichtsschreibung.
Ein neues Element in unser Untersuchung ist die Bewilligung des Projekts „Oral History“ in Geel. Hier stossen wir sicherlich auf Zeugnisse über Familienunterstützung und -pflege während des Zweiten Weltkriegs. Geert Vandecruys, Gonnie Leysen (Archivarin der Stadt) und Bert Boeckx (Archivar des OPZ) koordinieren das Projekt.
3. Euthanasie-Ärzte in Geel?
Momentan wird einer besonderen Auffälligkeit nachgegangen. Aus dem Gästebuch der Kolonie geht hervor, dass Deutsche u.a. am 14. März 1943 (also einen Monat vor der „misslungenen Deportation” oder „Rettng“) in Geel zu Besuch kamen. Unter ihnen war auch Dr. Holam, Chef der Medizingruppe der Militärverwaltung Belgien–Nord-Frankreich. Die anderen Ärzte sind noch nicht identifiziert. Im Hinblick auf ihre Herkunft (Arnsdorf, Bedburg, …) könnte es jedoch sein, dass sie direkt oder indirekt am „Euthanasieprogramm” der Nazis beteiligt gewesen sind. Seit Januar 2007 stehen wir in Kontakt mit deutschen Archiven, um genauere Informationen zu diesem Thema zu bekommen. Zwischenzeitlich stehen wir über Herrn W. Adriaens in Kontakt mit Dr. Yves Louis und Marc Verschooris aus Gent. Beide beschäftigen sich speziell mit der Problematik flämischer Ärzter und Akademiker, die im Rahmen des „eugenetischen Programms” (siehe Flämisches Ärzteblatt 31. Oktober 2006) Anhänger der „Neuen Deutschen Ordnung“ waren. Die Archive von SOMA und AAG (Van Hoof, Libbrecht) müssen sicherlich noch weiter untersucht werden.
4. Untersuchungsthesen
Unsere laufenden Untersuchungen laufen auf die beiden folgenden Bereiche hinaus:
- Welche Rolle spielen die lokalen Autoritäten und die Führung der Rijkskolonie beim Registrieren und Behandeln „jüdischer Angelegenheiten” während der Besatzung? Wie weit geht die Kollaboration? Kann man von (passivem) Widerstand sprechen? Wurden Juden gerettet? Sind Juden untergetaucht?
- Aus welchem Umfeld kamen die jüdischen Patienten in Geel? (Herkunft, Beruf, Familie, Nationalität etc.)? In welchem Masse war die jüdische Familie des Patienten von Deportationen betroffen?
- Welchen Hintergrund hatte die abgesagte Deportation vom 14.April 1943? Hat Dr. Freitag wirklich gelebt?
- Wie sah das Alltagsleben der (jüdischen) Patienten vor dem Krieg, während des Krieges und in der Nachkriegszeit aus?
- Da das Gebäude im September 1943 von der deutschen Armee eingenommen wird, gelangt ein Teil der jüdischen Patienten in andere Einrichtungen. Nicht alle Patienten bleiben den ganzen Weltkrieg über in Geel. In welchem Masse können wir die Wege der Patienten zurückverfolgen?
- Waren deutsche Euthanasieärzte zu Besuch in Geel? Wenn ja, warum? Gab es Pläne, ein solches Programm auch in Flandern einzuführen? Warum besuchten sie Geel?
- Das Erstellen einer chronologisch zusammenhängenden Leiste, wobei das Leben der Juden in Geel in Bezug auf Besatzung und Judenverfolgung in Belgien und in Bezug auf den Verlauf des Zweiten Weltkriegs eingeordnet wird.
Geel, 27. Juni 2007
Gorik Goris
Jos Rathé
Geert Vandecruys
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